Über Caro und Nessie

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Aus „Das Mondrian-Mysterium“

(…)

Sabrina spülte die zwei benutzten Kaffeetassen in der Teeküche schnell mit der Hand und versuchte danach die Unordnung, die ihr Chef wie gewöhnlich auf seinem Schreibtisch hinterlassen hatte, so geschickt zu beseitigen, dass Nordberg bei seiner Rückkehr keine Probleme haben würde, alle Unterlagen auf Anhieb wiederzufinden.

Ihr Blick fiel auf die zwei kartonierten Schnellhefter. Sie sah auf die Uhr an ihrem Handgelenk. Noch blieb ihr etwas Zeit. Sie ließ sich im Sessel ihres Chefs nieder und schlug den roten Pappdeckel auf. Ein paar Fotografien lagen lose auf den abgehefteten Seiten. Sabrina kannte diese Art Fotos. Nordberg schoss sie bei Observationen mit dem Teleobjektiv, ohne dass die beobachteten Personen davon wussten.

Diese Fotos hier zeigten eine noch recht junge Frau mit schulterlangen, strohblonden Haaren. Sie war schlank, ja geradezu mager und auf eine herbe, sie unnahbar wirken lassende Weise attraktiv. Auf den Bildern trug sie fast immer unauffällige legere Kleidung. Jeans und Cargohosen, Blusen in gedeckten Farben und dazu schlichte Pumps mit moderaten Absätzen. Auf einigen Bildern hatte sie einen schwarzen Leinenrucksack lässig über eine Schulter geworfen, der ihr anscheinend die Handtasche ersetzte.

Einige der Fotos zeigten das schmale Gesicht der Frau in Großaufnahme. Es wurde von einem Paar ausdrucksstarker Augen beherrscht, die selbst auf dem Papier im intensiven Ultramarin echter Lapislazulis leuchteten. Unter einer schmalen geraden Nase trugen die blassen, sinnlichen Lippen einen leicht trotzigen Ausdruck.

Sabrina wandte ihre Aufmerksamkeit den bedruckten Seiten zu.

Caroline Elisabeth Gräfin Müller zu Greifsheim.

Grundgütiger, was für ein Name.

Rufname Caro, wird oft ‚Komtesse‘ genannt.

Na gut, das war schon besser, das konnte man sich merken.

Caro Müller-Greifsheim war einhundertundsiebzig Zentimeter groß, geschieden, hatte vor knapp einem Monat ihren dreißigsten Geburtstag gefeiert und besaß einen Magister in Kunstgeschichte. Sie hatte in Freiburg, Heidelberg und Paris studiert, an der Kunstakademie in Florenz ein einjähriges Praktikum absolviert und galt als Expertin für europäische Malerei, insbesondere für Impressionismus, Neo- und Postimpressionismus.

Vater: Ferdinand Graf Müller zu Greifsheim.
Verstorben
hatte Nordberg handschriftlich angemerkt.
Mutter: Marie-Cécile, geborene Saint-Clair.

Das klang französisch. Eine weitere handschriftliche Anmerkung Nordbergs bestätigte Sabrinas Vermutung.

Die Komtesse besaß laut Akte zwei Geschwister: Frederic, dreiunddreißig, der das familieneigene Weingut Greifsheim an der Mosel leitete, und Marie-Charlotte, genannt Charlie, siebzehn Jahre jung, die noch zur Schule ging.

Beruf: Kunstsachverständige, -agentin, -beraterin.

Sabrina vermutete, dass die Gräfin solventen Kunden beim Kauf von Kunstobjekten zur Seite stand. ›Komtesse, ich brauche unbedingt noch einen Alten Meister im Salon. Können Sie mir da einen günstig ersteigern?‹ Ihr Adelstitel würde bei der Erfüllung ihrer Aufgaben in den solventen Kreisen der Gesellschaft bestimmt nicht schaden.

Sprachen: Deutsch, Französisch (Muttersprachen), Englisch (fließend), Italienisch, Spanisch (halbwegs).
Bemerkungen: Malt selbst …
Talentierte Fälscherin
hatte Nordberg dazugeschrieben und mit drei Ausrufezeichen versehen.
… Weinkennerin, bevorzugt schwere trockene Rotweine.
Intelligent, fantasievoll, labil, trinkt recht viel.

Labil? Trinkt? Sabrina fragte sich, ob ihr Chef auch über sie selbst eine solche Akte führte. Es war wohl besser, gar nicht darüber nachzudenken, was Clemens Nordberg über seine Assistentin dachte und zu wissen glaubte.

Beziehung mit N.S.?

Das Fragezeichen war handschriftlich durch ein dickes Ausrufezeichen übermalt. Aha. Wer war N.S.?

Sie überflog die restlichen Seiten, die jedoch nur vergleichsweise nebensächliche Informationen enthielten, und klappte die rote Akte zu. Dann griff sie nach der blauen.

Auch hier lagen Fotografien obenauf. Allerdings, so stellte Sabrina Pommerantz einigermaßen überrascht fest, gab es davon mehr als doppelt so viele wie in der Akte der Blondine. Die Bilder zeigten eine ausgesprochen hübsche junge Frau mit einer Menge kastanienbrauner Korkenzieherlocken, die ihr bis weit über die Schultern fielen. Ihre Figur wirkte ebenfalls schlank, war aber bei Weitem nicht so filigran wie die der Blonden. Sie besaß ein ovales Gesicht mit einem Paar großer, mahagonifarbener Augen unter dichten dunklen Brauen. Ihre Nase schien leicht gebogen und ihr Mund eine Spur zu breit.

Die Art der Porträts war verräterisch. Nordberg hatte den Ausdruck der Augen, die vollen zartroten Lippen, die Linien des Gesichts mit der Leidenschaft und Akribie eines Malers oder Berufsfotografen eingefangen und festgehalten. Er hatte sein Motiv mit der Kamera geradezu gestreichelt.

Clemens, dachte Sabrina, ich glaube, ich werde soeben eifersüchtig.

Den Modegeschmack der Fremden konnte man nur als auffällig bezeichnen. Die Farben gelb, orange und neongrün sowie schwarzes Leder dominierten. Die Röcke hätte Sabrina ihrer älteren Tochter definitiv verboten.

Die dunkelhaarige Frau strahlte selbst auf den Fotos mit jeder Faser ihres Körpers Kraft und Energie aus. Auf den meisten Bildern lächelte sie. Es war eines dieser Zahnpasta-Werbelächeln einer Sandra Bullock oder Julia Roberts, bei denen man meinte, sogar die Weisheitszähne sehen zu können.

Ich glaube nicht, dass ich dich mögen werde, Schätzchen, dachte Sabrina Pommerantz, die zwar nicht in ihren Chef verliebt war, ihn aber auch nicht unbedingt mit einer anderen Frau teilen wollte.

Sie richtete ihren Blick nun auf den Text.

Nesrin Senel, genannt Nessie. Türkischer Abstammung, deutsche Staatsangehörigkeit.

Nesrin Senel? N.S.? Tja Clemens, da haben wir schlechte Karten, was? Sabrina konnte sich die Schadenfreude nicht verkneifen und die hübsche Türkin wurde ihr gleich wieder um einiges sympathischer.

Nessie Senel war einhundertfünfundsechzig Zentimeter groß, ledig, seit einer Woche ebenfalls dreißig Jahre alt und von Beruf Physiotherapeutin.

Über die Familie von Frau Senel hatte Nordberg keine Informationen auftreiben können. Das war außergewöhnlich und konnte eigentlich nur bedeuten, dass es keinerlei allgemein bekannten Informationen gab.

Sprachen: Deutsch, Türkisch (Muttersprachen), Englisch (passabel), etwas Französisch
Bemerkungen: …

Sabrina stutzte und blätterte. So knapp die bisherigen Informationen gehalten waren, so umfangreich war das, was nun folgte. Sie überflog den Text und ihre Erfahrung half ihr dabei, die wichtigsten Fakten herauszulesen.

Besuchte das gleiche Gymnasium wie CMG. Schulverweis mit sechzehn, vier Vorstrafen wegen Körperverletzung (zwei davon Jugendstrafen).
Offenbar erfolgreich resozialisiert
, hatte Nordberg in einem Anflug von Sarkasmus dazugekritzelt.
Betreibt Kampfsport, Taekwondo (zuerst WTF, später ITF und traditionell), schwarzer Gurt (2. Dan, alle Schulen!).
Mit vierundzwanzig an Multipler Sklerose erkrankt. Seitdem im Wettkampfsport nicht mehr aktiv. Arbeitet als PT, Fitness- und Rehatrainerin, gibt u.a. Selbstverteidigungskurse für Frauen.

Sabrina warf einen weiteren Blick auf die Fotografien. Bei genauerem Hinsehen offenbarte sich, warum Nesrin Senel nicht so schlank wie ihre Freundin wirkte. Ihre Figur war wesentlich athletischer, als der erste Eindruck verriet. Du hast Haare auf den Zähnen, Schätzchen, aber sie wachsen wohl alle nach innen, dachte sie beim Anblick des strahlenden Lächelns.

Tätowierungen: chin. Schriftzeichen auf Schulterblatt links, Cobra um Fußgelenk rechts, Flittchenstempel.

Sabrina gluckste amüsiert. Das las sich immerhin besser als Arschgeweih.

Piercings: Nasenflügel links, Bauchnabel.
Leidenschaftliche Köchin, isst kein Schweinefleisch, trinkt so gut wie nie Alkohol.
Realistisch-nüchterne Denkweise, positive Grundeinstellung, benötigt ständig Medikamente (Betaferon, zeitweise Antidepressiva!)

In Momenten wie diesem fiel es Sabrina schwer, ihren Job zu mögen. Sie fühlte sich schäbig, in den intimsten Bereichen anderer Menschen herumzuschnüffeln. Aber Informationen dieser Art konnten von Bedeutung sein, wenn es nötig war, jemanden aufzuspüren. Clemens machte nur seine Arbeit, und er war gut darin.

Kennt CMG aus der gemeinsamen Schulzeit. Sind seit dem Wiedersehen vor einem Jahr unzertrennlich. Beziehung?

Und wieder war das Fragezeichen übermalt.

Respekt, Clemens, dachte Sabrina Pommerantz. Da hast du ja ein schillerndes Pärchen ausgesucht.

(…)